Claudia Tittel

Rezension
Vier Bücher zum Thema Klangkunst

Dr. phil. Claudia Tittel in: Positionen. Beiträge zur Neuen Musik. Nr. 60. 2004. S. 51-52.

Klangkunst. Tönende Objekte und klingende Räume. Handbuch der Musik im 20. Jahrhundert. Band 12.

Dass Klangkunst nicht nur als neue Kunstform im Grenzbereich zwischen Bildender Kunst und Musik hohes kuratorisches Interesse genießt, sondern auch im wissenschaftlichen Diskurs als innovatives Moment intermedialer Praxis wahrgenommen wird, ist vor allem der Musikwissenschaftlerin und -psychologin Helga de la Motte-Haber zu verdanken. Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt sie sich mit diesem Phänomen und hat in vielfältigen Beiträgen zur methodischen Fundierung dieser hybriden Gattung beigetragen. Vor allem als Herausgeberin des 12. Bandes des Handbuchs der Musik im 20. Jahrhundert „Klangkunst. Tönende Objekte und klingende Räume“ lieferte sie passend zur Jahrtausendwende und somit retrospektiv ein mit sechs Kapiteln umfassendes kundiges Nachschlagewerk zu einem künstlerischen Phänomen, das wesentliche künstlerische Strömungen des 20. Jahrhunderts vereinigt. Sie führt dabei nicht nur ihre ersten grundlegenden Überlegungen zur Beziehung zwischen Musik und Bildender Kunst von 1990 weiter,[1](La Motte-Haber, Helga de: Musik und Bildende Kunst. Von der Tonmalerei zur Klangskulptur. Laaber 1990) sondern geht auch auf die Schwierigkeiten der Begriffsbildung ein - ein Thema, das bis heute immer wieder in den verschiedensten Diskussionsrunden und Symposien zur Klangkunst virulent ist und weiterhin genügend Stoff für wissenschaftliche Auseinandersetzungen bietet. Als Herausgeberin hat de la Motte-Haber versucht, ein ausgewogenes Maß an Theorie und Phänomenbeschreibung herzustellen, in dem einerseits die ästhetischen und technischen Voraussetzungen von Klangkunst geklärt werden sollen und gleichzeitig die ganzheitliche Wahrnehmung dieser Erscheinung durch beschreibende Analysen verschiedener Klanginstallationen im Mittelpunkt steht, um daraus eine Standortbestimmung vornehmen zu können. Die Wissenschaftlerin hat führende, vor allem junge Wissenschaftler versammelt, die sich theoretisch zur Klangkunst äußern. Befremdlich ist nur, dass diese Autoren im Inhaltsverzeichnis nicht genannt werden, so dass der Eindruck entsteht, alle Texte seien aus der Feder de la Motte-Habers.

Zu bedauern ist weiterhin, dass erneut die künstlerisch-bildnerischen Ansätze weitgehend außer Acht gelassen werden und somit die Vernetzung der beiden Bereiche Musik und Bildende Kunst eher aus historischen Analogieschlüssen als vielmehr aus den klangkünstlerischen Arbeiten selbst herausgearbeitet wird. Auch hier gilt leider, dass - wie die meisten Beiträge zur Klangkunst zeigen - weniger monographisch einzelne Werke und Künstler und deren spezifische Ausdruckssprache betrachtet werden, sondern das Phänomen im musikwissenschaftlichen Kanon analysiert wird und dies aus einer Art Vogelperspektive, um möglichst viele Künstler unter dem Begriff Klangkunst zusammenfassen zu können. Trotz dieser kleinen Mängel wurde hier Pionierarbeit geleistet, denn der Band stellt das einzige wissenschaftlich-übergreifende Handbuch zur Klangkunst dar. Dem interessierten Leser wird ein theoretisch fundiertes Nachschlagewerk geboten, in dem die gedanklichen und geschichtlichen Voraussetzungen der Klangkunst (Helga de la Motte-Haber) sowie Aspekte eines erweiterten Kunstbegriffs wie Autonomie, Intentionalität und Situation (Sabine Sanio) auf mehr als hundert Seiten den methodischen Grundstein einer historischen Darstellung des Phänomens bilden. Da die Entwicklung dieser neuen künstlerischen Phänomene nicht nur durch eine intermediale Kunstpraxis vorangetrieben wurde, sondern mit technischen Errungenschaften der Klangerzeugung und -speicherung einherging, durch die es ermöglicht wurde, den Klang nicht mehr nur am Ort im Moment seiner tatsächlichen Erzeugung zu hören, sondern ihn an andere Orte und in andere Kontexte zu übertragen, wurden in Kapitel 3 diversifizierte technische Systeme von Klanginstallationen vorgestellt (Martin Supper). Der zweite Teil des Buches widmet sich in den Kapiteln 4, 5 und 6 speziellen künstlerischen Gesichtspunkten von Klangkunst, so dass signifikante ästhetische Ausformungen wie Klangskulpturen in Kapitel 4 (Frank Gertich), Klangorganisation im öffentlichen Raum in Kapitel 5 (Folo Göllmer) und Klanginstallationen zwischen Performance und Installation in Kapitel 6 (Helga de la Motte-Haber) beschrieben werden, wodurch insbesondere einzelne Klangkünstler und ihre Arbeiten zu Wort kommen. Ergänzt und komplettiert wird das Kompendium durch 50 Seiten Biographien von Künstlern, die in den Bereich der grenzüberschreitenden Klangkunst einzuordnen sind.

Resonanzen. Aspekte der Klangkunst

Mit den Ausstellungen Resonanzen I und II, Klangräume - Raumklänge im Jahre 2002 hat sich die Stadtgalerie Saarbrücken ein letztes Mal unter der Leitung ihres Direktors Bernd Schulz als einen der führenden Ausstellungsorte für Klangkunst präsentiert. Seit der Gründung der Galerie im Jahre 1985 hatte sich die Galerie diesem ephemeren Genre als Schwerpunkt gewidmet und dabei unterschiedlichste künstlerische Positionen vorgestellt. Als Abschluss der langjährigen Tätigkeit von Schulz zeigten die beiden Gruppenausstellungen retrospektiv das durch ihn etablierte Profil und intermediale Konzept der Galerie. Umrahmt wurde das Ausstellungsprogramm von Konzerten, Performances und einem Symposium unter dem Titel Klangkunst - audiovisuelle Erfahrung jenseits der Synästhesie (22./23. 11. 2002). Das parallel erschienene Buch Resonanzen. Aspekte der Klangkunst ist einerseits als Katalog zu den beiden Ausstellungen sowie andererseits als Kompendium des Symposiums angelegt und versammelt neben Vortragsmanuskripten des Symposiums auch Artikel zweier Klangkünstler und ein Interview mit Bernhard Leitner sowie die dokumentarisch festgehaltenen ausgestellten Werke. Dem Band ist - dem Medium entsprechend -  eine CD beigefügt, die zumindest „eine Ahnung von der reichen Klangatmosphäre vermitteln“ soll, die durch die ausgestellten Installationen hervorgebracht wurde. Während die ausgewählten Essays von führenden Wissenschaftlern und Künstlern aus dem Bereich der Klangkunst verschiedene Aspekte dieser hybriden Kunstform thematisieren, sind die vorgestellten Werke als „ein Stück phänomenologischer Forschung“ zu deuten. Pioniere der Klangkunst wie Bernhard Leitner, Rolf Julius oder Christina Kubisch treffen auf internationale Vertreter der älteren, mittleren und jüngeren Generation wie Martin Riches, Paul DeMarinis, Andres Bosshard, Ed Osborn, Andreas Oldörp, Steve Roden und Miki Yui. Besonders hervorzuheben ist, dass neben dem bereits häufig thematisierten wahrnehmungspsychologischen Aspekt, auch in diesem Werk repräsentiert durch Helga de la Motte-Haber, der Versuch unternommen wurde, eine neue Sichtweise auf die Klangkunstforschung zu werfen. Hier muss besonders der Beitrag von Michael Glasmeier erwähnt werden, der ausgehend von einer Analyse der Zeichnung Avoir l’apprenti dans le soleil (1914) (ein Notenblatt mit Fahrradfahrer) von Marcel Duchamp versucht, eine Kunstgeschichte des Geräuschs zu skizzieren – ein Unterfangen, dass sich zwar als schwierig herausstellt, und während des Symposiums auf heftige Kritik aus den Reihen der Musikwissenschaftler stieß, aber dennoch verdienstvoll und anregend ist. Glasmeiers kunsthistorisch begründete Überlegungen zum Thema Geräusch entwerfen einen neuen möglichen Blickwinkel auf die Klangkunstforschung: neben den synästhetischen beziehungsweise musikalischen historischen Vorläufern wird auch nach den bildnerischen Darstellungen einer raumakustischen Atmosphäre gefragt, die geradezu eine Klangpräsenz auf der visuellen Ebene evozieren.

Tilman Küntzel. Strukturgeneratoren und andere Allegorien

Der Pfau-Verlag hat mit dem 2002 von Stefan Fricke herausgegebenen Buch Tilman Küntzel. Strukturgeneratoren und andere Allegorien sein Verlagsprogramm auf die intermediale Klangkunst erweitert und einen monographischen Band zu dem Klang- und Intermediakünstler Tilman Küntzel herausgegeben. In Beiträgen von Barbara Barthelmes, Julia Gerlach, Rolf Großmann, Martin Henatsch, Sabine Sanio, Christoph Tannerts und Melanie Uerlings wird das mittlerweile etliche Großprojekte umfassende Werk Küntzels vorgestellt und Aspekte seiner Arbeit beleuchtet. Während Barbara Barthelmes versucht, Küntzels Werk in den größeren Kontext der Kunst- und Musikgeschichte einzuordnen, sind die Beiträge der anderen Autoren meist einigen wenigen Arbeiten so zum Beispiel Breaking the Waves ((2001) im Wewerka Pavillon in Münster, der Installation Drei Räume – drei Farben (2001), des Projekts 400 Lichter für Olbers’ Paradox (2000) oder wenigen Werkaspekten wie zum Beispiel der Technologie und Medienkritik, Naturerfahrung oder der Internetkunst Küntzels gewidmet. Schön ist die Aufteilung des Buches – nach einem einleitenden, das Gesamtwerk erklärenden, Essay durch Barthelmes werden neun Projekte des Künstlers durch großformatige Abbildungen und kurze Zitatbeschreibungen vorgestellt. Nach diesem textuell-visuellen Überblick folgen Beiträge der genannten Autoren, die auf einzelne Werke oder Werkaspekte genauer eingehen. Der Band wird durch biographische Angaben zu Küntzel mit Werkverzeichnis und Discographie vervollständigt. Auch wenn dabei eine kritische Auseinandersetzung mit Küntzels Werk ausblieb, so erhält der Leser doch ein umfassendes – wenn auch nur visuelles Bild (leider wurden dem Band keine Klangbeispiele beigegeben) – des Werkkomplexes dieses Klangkünstlers der jüngeren Generation.

Ausstellungskatalog DAAD-Galerie Berlin

Ansprechend gestaltet präsentiert sich der Ausstellungskatalog des Spaniers José Antonio Orts dem Buchliebhaber durch die formale Gestaltung des Einbandes in Hardcover mit Leinenbindung, der Aufteilung der verschiedenen Textbeiträge in den drei relevanten Sprachen Spanisch, Deutsch und Englisch sowie der Anordnung von Text und Bild überzeugend. Anlässlich der Ausstellung Lumenes, die einen Werkkomplex von vier verschiedenen Klanginstallationen in der DAAD Galerie in Berlin darstellte, wurde einem renommierten Komponisten, Bildenden und Klangkünstler aus Valencia ein bibliographisches Denkmal gesetzt. Leider erweist sich bei der Lektüre des deutschen Teils jedoch, dass nicht nur die Übersetzung schlampig durchgeführt wurde, sondern es auch dem Lektorat an Professionalität mangelt. Unschöne Satzkonstruktionen, die aus der Übersetzung herzurühren scheinen, sowie Rechtschreib- und Druckfehler stören den Lesefluss und man ist geneigt, das Buch verärgert wegzulegen. Doch glücklicherweise ist der vorgestellte Künstler und seine Arbeit zu interessant und man möchte mehr erfahren. Eingeladen vom Berliner Künstlerprogramm des DAAD entstand in Auseinandersetzung mit der Stadt Berlin als einem renommierten Klangkunststandort zwischen 2002 und 2003 der Werkkomplex Lumenes, der auch im Zentrum des Kataloges steht, der ebenfalls andere Arbeiten des Künstlers umfasst. Nach Kevin Powers Beitrag, der die musikalische Traditionslinie von Orts’ Arbeiten darstellt, die er zwischen Berio, Stockhausen, Xenakis, Cage, Wolff und Behrman verortet, führt Barbara Barthelmes Textbeitrag den wissbegierigen Leser in den ausgestellten Werkkomplex Lumenes ein, indem sie vorerst diesen detailliert beschreibt, um ihn in verschiedene Traditionslinien einzubinden, die „heute für die Klangskulptur reklamiert werden können.“ Andererseits versucht sie, anhand dieses Werkes eine Begriffsbestimmung für Klangskulptur, -installation oder –relief vorzunehmen, die für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Gattung Klangkunst  im allgemeinen fruchtbar ist. Vicente Jarques kurzer Essay beschreibt dagegen die subjektive Erfahrung von Orts Arbeiten. Somit wurde versucht, einen generellen Blick auf das Werk des Künstlers zu werfen, um ihn als einen Zeitgenossen zu ehren, der es verstehe, in seinen Werken „Eleganz des Denkens“ mit „Eleganz der Ausführung“ zu paaren.

Helga de la Motte-Haber (Hg.): Klangkunst. Tönende Objekte und klingende Räume. Handbuch der Musik im 20. Jahrhundert. Band 12. Laaber: Laaber-Verlag 1999.

Schulz, Bernd (Hg.): Resonanzen. Aspekte der Klangkunst. Ausstellungskatalog Stadtgalerie Saarbrücken. Heidelberg: Kehrer-Verlag 2002.

Fricke, Stefan (Hg.): Tilman Küntzel. Strukturgeneratoren und andere Allegorien. Saarbrücken: Pfau-Verlag 2002.

José Antonio Orts. Ausstellungskatalog DAAD-Galerie Berlin. Saarbrücken: Pfau-Verlag 2003.

  1. [1]La Motte-Haber, Helga de: Musik und Bildende Kunst. Von der Tonmalerei zur Klangskulptur. Laaber 1990.