Claudia Tittel

Provokatives Potential.
„Otto Mühl - Leben/Kunst/Werk“ eine Ausstellung im MAK Wien

Dr. phil. Claudia Tittel in: Radiosendung für Radio Mitte 92,1 „Provokatives Potential. Otto Mühl. Leben/Kunst/Werk. Aktion – Utopie – Malerei 1960-2004. Eine Ausstellung im MAK Wien“

 

Auf weißem Grund ist ein nackter Mann in Hockstellung mit grünem Jägerhut und Fähnchen in dickem schwarzen Pinselstrich gemalt. Die lange Nase, das spitze Kinn, die großen Augen, die schematischen ins groteske gesteigerten Umrisse der männlichen Figur lassen unwillkürlich an eine Karikatur denken. Man sieht den Mann von der Seite sein Geschäft verrichten. Mit der rechten Hand hält er sich am Boden fest, um nicht in den großen braunen Haufen zu fallen, über den er hockt. Seine Genitalien sind rot bemalt und liegen in einer aus echten zermatschten Eiern erzeugten braun-gelben Masse, die über das gesamte Bild läuft. Mit ihr ist auch die Figur verschmiert, um die die zermalmten Eierschalen arrangiert sind. Sie geben Auskunft über die Echtheit des authentischen, dem Alltag entnommenen Malmaterials. In rotgeschriebenen Druckbuchstaben, doch deutlich als handgeschrieben zu erkennen, steht über dem figurativen Ensemble der Titel des Bildes „SEX-EIER“. Das Bild ist 2002 vom Skandalkünstler Otto Mühl in seinem Atelier in Faro in Portugal entstanden. Es enthält viele Elemente seines gesamten Œuvres und ist deshalb wohl auch vom Kuratorium des MAK – Museum für Angewandte Kunst Wien ausgewählt worden, wo vom 3.3. bis 29.05.2004 eine aufwendig arrangierte Retrospektive des Künstlers zu sehen war, die das gesamte Werk Otto Mühls von den ersten malerischen Versuchen über Materialbilder und Aktionen der 60er Jahre im Umkreis des Wiener Aktionismus bis hin zu Gemälden, die zwischen 1974 bis heute entstanden, zeigte.

Der Titel der Ausstellung, obwohl er durch heftige Kritik von außen von „Otto Mühl. Das Leben ein Kunstwerk“ in „Otto Mühl. Leben/Kunst/Werk“ verändert wurde,  implizierte dennoch sogleich, worauf die Ausstellung hinaus wollte: das gesamte Leben Otto Mühls sollte als Kunstwerk dargestellt werden und er als Künstler in Österreich rehabilitiert werden. Doch der Otto Mühl, der in Österreich weniger durch sein künstlerisches Werk als vielmehr durch die berüchtigte Mühl-Kommune vor allem durch seine provokativen Aktionen ies stieß auf heftige Kritik, vor allem bei Im Falle Otto Mühls handelt es sich um einen besonderen Fall, denn Mühl wird nicht nur als Kunsterneuerer im Umkreis des Wiener Aktionismus gefeiert, sondern gilt außerdem als einer der berüchtigtsten österreichischen Künstler, der versucht seine Verbrechen wie Vergewaltigung Minderjähriger und Kindermissbrauch, für die er zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, unter dem Deckmantel der Erweiterung des Kunstbegriffs zu verstecken. Die im MAK inszenierte Ausstellung hilft ihm dabei.

Aktionskünstler Otto Mühl

Bekannt geworden war der 1925 im Burgenland geborene Mühl vor allem durch seine schockierenden Aktionen Anfang der 1960er Jahre. Im Gefolge der legendären Künstlergrößen Hermann Nitsch und Günther Brus hatte er in Auseinandersetzung mit den Drip-Paintings von Jackson Pollock und dem europäischen Informel eine Art „Aktionsmalerei“ entwickelt, die sich gegen den tradierten Kunstbegriff wandte und bald ikonoklastische Züge trug. In „psychomotorisch-expressionistischen“ Handlungen wurde das Tafelbild zerstört: Leinwände wurden zerschlitzt, Rahmen zerbrochen und Gegenstände zusammen mit Farbe und anderen Materialien zu Materialbildern arrangiert. Alsbald ersetzten die Künstler die Leinwand als Bildträger durch Körper, wobei sie bewusst die miefige österreichisch-katholische Nachkriegsgesellschaft angriffen und sich in ihren Aktionen von dieser zu befreien suchten. Insbesondere Mühl bestürzte die Kleinbürger durch Besudelung und Beschmutzung von nackten Körpern und seine mit Tierkadavern, Nahrungsmitteln, Prothesen und Farben komponierten Stillleben, auf die er als Höhepunkt der Aktionen urinierte. Schon in einer seiner ersten Materialaktionen Versumpfung eines weiblichen Körpers (1963) bewarf er den weiblichen Akt mit Farbe, bedeckte ihn dann mit Tüchern und schüttete, bevor er ihn nochmals mit dickflüssiger Farbe beschmierte, Abfall darauf. Im Laufe der Zeit radikalisierte Mühl den Umgang mit Körpern immer weiter, wobei die Aktionen immer stärker erotisch-schockierende Züge annahmen. Junge Frauen und Mädchen wurden gefesselt, ihre Körper bemalt und mit Milch beschüttet, rohes Fleisch an ihre Bäuche gebunden, an den Akten angebrachte Luftballons mit einem spitzen Messer zerstochen, Geburtsakte simuliert und erotische Spiele inszeniert, die durchaus in einem Geschlechtsakt enden konnten. Mühls Aktionen wurden zum Ort imaginativer Produktion sexueller, vor allem maskuliner Fantasien. Sie dienten als Schockmittel, um kulturelle Tabus im Nachkriegsösterreich zu durchbrechen und diese ans Licht der Öffentlichkeit zu befördern.

Mühls starkes Interesse am Durchbrechen insbesondere moralisch-sittlicher, sexueller Schranken teilte er nicht mit den anderen Aktionisten. Es hatte sich bereits herauskristallisiert, dass die künstlerischen Ansätze der zu den Wiener Aktionisten gehörenden Künstler immer weiter auseinander gingen. Obwohl alle Künstler den tradierten Schönheitskanon sprengten und somit die Frage nach dem Resistenzpotential von Kunst stellten, suchten dies alle Künstler im Umkreis des Wiener Aktionismus auf ihre eigene künstlerische Weise zu erreichen. Schon 1965 hatte sich die Gruppe weitgehend aufgelöst. Eine letzte gemeinsame Aktion ist unter dem Titel „Uniferkelskandal“ in die Kunstgeschichte eingegangen. Für Mühl endete sie in einer zweimonatigen Inhaftierung, während sein Freund und Mitkollege Brus noch vor der Verhaftung nach Berlin flüchtete.

Inzwischen war Mühl allerdings im Rahmen der Happening-Bewegung zu einem international anerkannten Künstler avanciert und trat an verschiedenen Orten Europas auf. Während seine in den Materialaktionen vollzogenen sexuellen Tabubrüche immer wieder heftige Reaktionen im Publikum und in den Medien hervorriefen, wurde Mühl jedoch unter Künstlern und Alternativen in Wien als der heimliche Star gefeiert, der alle Konventionen negierte und an der Auflösung von Kunst und Leben arbeitete. Dennoch ließ der finanzielle Erfolg auf sich warten. Mühl sah deshalb, nachdem sein Privatleben zerstört war - seine Frau hatte ihn aufgrund der ständigen Skandale und der Haft mit dem gemeinsamen Sohn verlassen -, auch den Kunstbetrieb als gescheitert an.

Neuanfang-Gründung der Kommune

1970 gründete er zusammen mit anderen, meist jüngeren Freunden die AAO (Aktionsanalytische Organisation), in der er den Aktionismus als sozialrevolutionäres Experiment weiterführen wollte. Die Mitglieder der AAO glaubten an eine gesellschaftliche Revolution durch Aktionsanalyse. Diese sollte eine sogenannte „Heilung der Kranken“ erzielen, indem versucht wurde, geistige und soziale Blockaden in körperlichen Psychoanalysen aufzubrechen, um deren Muster zu erkennen und einen ersten Schritt zur Genesung der Gesellschaft zu vollziehen.

Es war die Zeit des allgemeinen Aufbruchs und Rebellion gegen die kleinbürgerliche Gesellschaft, die in vielen Teilen Europas zu Kommunegründungen mit Gemeinschaftseigentum und freier Sexualität führte. Auch die Kommunarden der AAO hatten Gemeinschaftseigentum, freie Sexualität, gemeinsame Erziehung der Kinder, Arbeiten in selbstverwalteten Betrieben zu ihren Maximen erklärt. Als Ort des Protestes gegen eine restriktive Gesellschaft zog die Kommune ausschließlich junge revolutionär denkende Menschen an, die auf der Suche nach neuen Gesellschaftsmodellen waren. Meist entsprang die Motivation für den Einzug der jungen Intellektuellen denselben Motiven: sie protestierten gegen die Welt ihrer Eltern, suchten nach Gleichgesinnten und einem kulturellem Leitbild für eine gelebte Gegenkultur zur herrschenden Gesellschaft, in der auch der Sexualtrieb sowie das Experimentieren mit neuen Geschlechterrollen ausgelebt werden konnte.

Die AA-Kommune war mittlerweile dank der hervorragenden Pressearbeit der Kommunarden in vielen Teilen Europas unter Linken bekannt. 1972 zog die Kommune auf den Friedrichshof, einen alten Gutshof, der ca. 40 km von Wien entfernt in der Parndorfer Heide lag. Außerdem wurden neue Gruppen in München, Berlin, Düsseldorf, Bremen, Genf, Zürich, Amsterdam, Paris, Lyon und Toulouse gegründet. Während anfangs alle Kommunarden Gleichgesinnte und Gleichgestellte waren, übernahm Otto Mühl bereits die Führungsrolle der Gruppe. In den folgenden Jahren führte er, um die schnell expandierende Kommune unter Kontrolle zu halten - zwischenzeitlich zählte die Kommune bis zu 600 Mitglieder, darunter viele Jugendliche und Kinder - allmählich eine Gruppenhierarchie ein. In dieser nahm Mühl selbstverständlich die unbestrittene Machtposition ein. Die sogenannte Struktur der Kommune, die er weder schriftlich noch in anderer Form fixierte, sollte alsbald als sein Machtinstrument dienen. Nicht nur, dass er alle Mitglieder der Kommune einschließlich der Kinder ab ihrer Geburt in eine Hierarchie einteilte, in der die „Höheren“ den „Unteren“ Befehle erteilen konnten, auch wichtige Entscheidungen wurden von Mühl fast vollständig allein getragen. Er selbst entschied willkürlich darüber, welche Kinder geboren und welche abgetrieben werden mussten. Außerdem ordnete er Trennungen von Kleinkindern und ihren Müttern an und teilte den Kleinen Ersatzmütter zu. Viele Exkommunarden sprechen heute von einem starren autoritären System mit Psychoterror, das Mühl systematisch aufbaute, um seine Machtposition weiter auszubauen. Auch nach außen hin wurde die Kommune immer weiter abgeriegelt. Medien wie Tageszeitungen, Bücher und Fernsehen waren kaum zugänglich. Ebenso wurde der Kontakt zur „Außenwelt“, zu Eltern, Verwandten und alten Freunden so weit wie möglich unterbunden. Selbst Pässe und Personalausweise mussten abgegeben werden, wurden zentral verwaltet und nur nach Bedarf herausgegeben.

Scheitern des Experiments durch kriminelle Delikte

Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass sich westdeutsche Linke zusammen mit der Frauenbewegung und Umweltschützern bereits 1977 von der AA-Kommune distanzierten und Mühl faschistoide Züge und Sektentum vorwarfen. Auch alte aktionistische Freunde wie Adolf Frohner, Peter Weibel oder Günther und Anni Brus schreckte das Pascha-Gehabe Mühls am Friedrichshof ab. Auch im Volksmund war die Kommune als Sex-Sekte verschrien. Dennoch reichte Mühls Charme, um hochrangige österreichische Politiker und renommierte Künstler von seinem „Experiment“ zu überzeugen. Als 1983 Joseph Beuys die Kommune am Friedrichshof besuchte, erhofften sich deshalb Mühl und sein „Führungskreis“, die Kommune nun endlich innerhalb des Kunstbetriebs und der ökologischen Bewegung als künstlerisches Experiment legitimieren zu können. Mühl propagierte weiterhin die Gestaltung des Lebens als Kunstwerk und trat als aktiver Maler in Erscheinung. Er gab Vorlesungen über Kunst und arbeitete sich in seinem Atelier an den Inkunabeln der europäischen Kunstgeschichte ab, wobei er die verschiedensten Stile und Epochen der europäischen Kunstgeschichte seit dem Impressionismus imitierte. Dies, so glaubte er, prädestiniere ihn dazu, sich selbst als großen Jahrhundertkünstler und alleinigen Star der Kommune zu feiern.

Aufgrund seines Alters und seiner künstlerischen Erfahrung als Aktionist und Maler sowie seines unkonventionellen jugendlichen Auftretens war Mühl selbst eine Identifikationsfigur für viele Mitglieder geworden. Dazu kam, dass innerhalb der Gruppe Repression auf die Mitglieder ausgeübt wurde. Mühl hatte eine Art „Geheimdienst“ aufgebaut: so wurden auf seine Anweisungen hin Telefone abgehört, private Post geöffnet, persönliche Notizen und Briefe ohne Wissen der Betroffenen vernichtet. „Man musste immer aufpassen, was man redete. Es konnte weitergegeben werden.“

Während anfänglich, die Aktionsanalysen - später Selbstdarstellungen genannt - eine karthatische Funktion einnahmen, dienten inzwischen diese Abende, um Menschen mit „Fehlverhalten“ öffentlich bloßzustellen. Dabei wurden viele Mitglieder, vor allem Kinder und Jugendliche, seelisch zerbrochen. Die Repression ging sogar soweit, dass Mühl sich ausbot, die sexuelle Erziehung der heranwachsenden Jugendlichen zu übernehmen. Dazu gehörte auch das Recht der ersten Nacht. Er nutzte dabei seine absolutistische Machtstellung aus, um seine eigenen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Erschreckend daran ist vor allem der Sachverhalt, dass auch andere Mitglieder der Gruppe, insbesondere im Führungskreis um Mühl sein Fehlverhalten nicht kritisierten, sondern ihn sogar noch unterstützten, indem sie, wenn sich ein Mädchen weigerte, auf dieses solange Druck ausübten, bis sie sich „ergab“, um sie danach mit Streicheleinheiten und Lob zu „belohnen“.

Erlösung fand die Gemeinschaft 1990, als ehemalige Gruppenmitglieder und Eltern von Kommunarden Druck auf die Kommuneführung, insbesondere Mühl ausübten und ihn wegen Kindermissbrauchs und Vergewaltigung in mehreren Fällen, Konsums weicher und harter Drogen sowie des Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses anzeigten. Auch innerhalb der Kommune war die Unzufriedenheit vieler Mitglieder zu spüren, so dass Mühls bis dahin unangefochtene Autorität seit Weihnachten 1989 zu bröckeln begann. Am 14.11.1991 wurde sein Urteil im Eisenstädter Landgericht verlesen: er wurde „zu einer Freiheitsstrafe in der Dauer von 7 Jahren verurteilt.“ Nach dem Fall und der Verurteilung Mühls löste sich die Gemeinschaft auf. Das gesellschaftsrevolutionäre Experiment Kommune Friedrichshof war nach fast 20 Jahren beendet.

Frage nach Moral

Ein Aspekt aus Mühls künstlerischer Karriere wäre noch zu erwähnen: Mühl hatte es geschafft, vor seiner Verurteilung wichtiges Beweismaterial in Kunst umzuwerten. Tagebücher sowie Dokumentationsmaterial aus der Zeit der Kommune wurden verbrannt. Er höchstpersönlich verwertete die daraus gewonnene Asche zu sogenannten Aschebildern. Zusammen mit anderen Materialien wie Zement oder Sand wurde sie auf farbigen Leinwänden zu einem Kunstwerk verarbeitet und offenbart auf interessante Weise, wie Mühls Verschleierungsarbeit funktioniert. Weiß man auch um diesen Hintergrund, scheint eine retrospektive Ausstellung zu Otto Mühl nicht tragbar zu sein, insbesondere deshalb, weil ein Schwerpunkt der Ausstellung die Kommune Friedrichshof sein soll. Nicht nur Gemälde Mühls, die in den Kommunejahren entstanden, werden zu sehen sein, sondern auch Filme und Fotos, welche Aktionen und Performances sowie das Leben in der AA-Kommune dokumentieren - wohlbemerkt aus Mühls und seiner Freunde Sicht. Dies hat bereits im Vorfeld der Ausstellung zu viel Unruhe besonders bei den Exkommunarden geführt, die in gezielten Aktionen dazu aufriefen, sich gegen eine Mystifizierung der Künstlerpersönlichkeit Mühls und eine solche Darstellung der Kommune durch Mühl und seine Freunde zu wehren. Dazu tritt der Aspekt, dass zwar seine innovativen Momente innerhalb des Wiener Aktionismus hervorzuheben sind, jedoch die Qualität seiner nach 1974 entstandenen Bilder auch unter Kennern umstritten ist. Während sich Mühl nämlich an den Inkunabeln der modernen bis zeitgenössischen Kunstgeschichte abarbeitete - seine künstlerischen Vorbilder sind eindeutig zu erkennen - hat er jedoch keinen eigenen individuellen Stil entwickelt, der ihn als großen Künstler des 20. Jahrhunderts ausweist.

Problematisch ist weiterhin, dass die Kommune als Weiterführung des Aktionismus, das heißt als Kunstwerk Mühls gefeiert werden soll. Doch dies war kein künstlerisches Experiment eines Einzelnen, sondern ein gemeinsamer Versuch, ein realutopisches Gesellschaftsmodell zu etablieren. Ebenso bedeutet Freiheit der Kunst keineswegs, dass ein Künstler über dem Gesetz schwebt und sich alles erlauben kann. Wenn Mühl und seine Kuratoren das Leben Mühls als Kunstwerk zeigen wollen, sollte auch die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers reflektiert werden. Diese nämlich hat Mühl gegenüber der Gesellschaft nicht wahrgenommen. Im Gegenteil: Mühl versteht Vergewaltigung und Kindermissbrauch nicht als inhumanes Handeln seinerseits, sondern als vollzogenen künstlerischen Tabubruch innerhalb einer restriktiven Gesellschaft. Davon zeugen auch seine in der Gefängniszeit entstandenen Bilder und Briefe. Diese offenbaren auf viel verständigere Weise seine geistige Gesinnung: in dieser ist weder Reue noch irgendeine Einsicht seines Fehlverhaltens zu finden.

Als Mühl 1998, kurz nach der Haftentlassung, von dem österreichischen Boulevard-Magazin „News“ zu seiner Verurteilung befragt wurde, antwortete er stolz: „Ich bekenne mich total zu meiner Tat. Also bereue ich nichts.“ Auch Bettina Busse, Kuratorin der Ausstellung, möchte von Reue nichts wissen: „Mühl hat seine sieben Jahre Haftstrafe abgesessen und damit ist für mich die Sache erledigt.“ Doch so einfach ist die Sache nicht, denn mittlerweile sind ehemalige Opfer bereit, weit schlimmere Dinge über Mühls Handeln auszusagen als ohnehin schon bekannt ist. Auch das könnte ihm neue Schwierigkeiten bescheren und die Befürworter Mühls doch noch eines Besseren belehren. Sie glauben nämlich immer noch, dass die Verurteilung Mühls im Jahre 1991 – ähnlich wie jene von 1968 – kein reelles Urteil, sondern eine Strafaktion des reaktionären österreichischen Staates gegen einen fortschrittlichen Künstler war. Geholfen ist den Opfern des von Mühl erbauten Systems damit nicht. Was ihnen bleibt, ist eine tiefe Kränkung und leider keine entsprechende Entrüstung über einen sich selbst erhöhenden Künstler und einen schamlos zynisch agierenden Museumsleiter samt Kuratorium. Was die Ausstellung jedoch sicher verspricht, ist eine hohe Besucherzahl. Fraglich ist nur, ob sich diese aufgrund der Qualität von Mühls Œuvre erzielen lässt, oder aufgrund des provokativen Potentials der Ausstellung.