Claudia Tittel

„Macht euern Scheiß alleine“
ein Parcours durch das sonambiente-Festival

Dr.Claudia Tittel in: Positionen. Beiträge zur Neuen Musik. Nr. 68. August 2006. S. 52-53.

 

Nach zehn Jahren nun der zweite Teil des Sonambiente-Festivals, des Festivals für Sehen und Hören, das das erste Mal 1996 zum 300. Geburtstag der Akademie der Künste in Berlin stattfand. Damals bespielten die Künstler fast ausschließlich die für die Klangkunst typischen Orte: auf öffentlichen Plätzen, in ruinösen Gebäuden wie der alten Akademie der Künste am Pariser Platz, dem Postfuhramt in Mitte, dem Stadtbad in der Oderberger Straße oder der Ruine des Anhalter Bahnhofs wurde die synästhetische Erfahrung von Sehen und Hören zelebriert. Die relativ neue Gattung Klangkunst und deren Protagonisten stellten sich dem Kunst- und Musikpublikum vor und setzten sich ein Denkmal. Es war ein Festival der Sinne und eine kuratorische Pionierleistung. Auch der Katalog – inzwischen ein Standartwerk – versuchte, das neue Phänomen wissenschaftlich zu beleuchten und ihm ein Fundament zu verleihen. 2006 war man nun gespannt, was und wer übrig geblieben ist, wer sich durchgesetzt hat im Klangkunstdschungel. Denn die Klangkunst ist seitdem aus den Kinderschuhen der Selbsterprobung hinausgewachsen und zu einer etablierten Kunstform avanciert.

Das Festival 2006 zeigte, wie weit der Begriff Klangkunst gefasst werden kann – es wurden Verbindungen zwischen reinen Klang- und großen Multimediainstallationen, Performances, Videokunst, Trash- und Pop Art hergestellt. Und so weitreichend der Begriff, so groß auch das Angebot an Kunstwerken, die dem Kunst- und Musikinteressierten an fünf Haupt- und vielen Nebenschauplätzen neue Einblicke ermöglichten. Neben den Pionieren der Klangkunst wie z. B Bernhard Leitner, Hans Peter Kuhn, Alvin Curran, Nicolas Collins, Christina Kubisch, Ulrich Eller, Rolf Julius, Terry Fox, Robin Minard oder Andreas Oldörp, versuchte man auch Künstler, die durch ihre intermediale Arbeit insbesondere im bildnerisch künstlerischen Bereich auf sich aufmerksam gemacht haben, einzuladen: Pipilotti Rist ließ im Foyer der ehemaligen Polnischen Botschaft Unter den Linden zu rhythmischen Beats der New Wave-Musikerin Gudrun Gut Bilder tanzen. Die dem Video entnommenen im Raum verteilten Gegenstände wurden zu Reliquien des Flüchtigen und die suggestiven Bilder in die Sphäre des Realen gehoben. Janet Cardiff und Georges Bures Miller, Altmeister der Suggestion, haben in der alten, aufwendig sanierten, Akademie der Künste am Pariser Platz eine raumfassende Klanginstallation verwirklicht, die in vollendeter Weise die Suggestionsmacht bildnerischer und akustischer Medien vorführt. „Opera for a small room“ lässt die Besucher in die private Welt des Opernliebhabers und Plattensammlers R. Donnerty eintauchen: Eine mit Schallplatten, Plattenspielern, Radios, Sessel, Glühbirnen, Kronleuchtern und Lautsprechern zugerümpelte Holzbox wird zu einem narrativen Imaginationsraum. Ein in der Mitte der Box installierter Lautsprecher dient als Sprachrohr des Opernfans Donnerty, der sich seine eigene Traumwelt erschafft. Im Rhythmus der Musik, als Dramaturgieelement eingesetzt, leuchten die Kronleuchter, blitzen die grünen und roten Glühbirnen, während Opernarien, Walzer und Swing erklingt. Am Ende des „Schauspiels“ gehen die Lichter aus, lang anhaltender Applaus ertönt. Das Publikum sitzt außerhalb der Box und wird mit Donner und Regenschauer akustisch übergossen. Dieses klanglich-metaphorische Bild ist typisch für die kanadischen Künstler, die uns wiederholt mit erstaunlichen Kunstgriffen überraschen. Aus wirklichkeitsnahen Opern-, Sprach- und Naturklängen entsteht eine Sound-Collage, die verschiedene akustisch erlebbare Szenarien miteinander verbindet: sowohl die Opernklänge als auch die Geräusche im Zuschauerraum oder Blitz und Donner sind genauso simuliert wie die akustisch-nostalgischen Bemerkungen des Protagonisten. Es ist eine wahre Sinnenfreude, diesem imaginierten Opernspektakel zu folgen.

Aber auch jungen unbekannten Künstlern und Künstlerinnen boten die Kuratoren Matthias Osterwold und Georg Weckwerth eine Plattform. Ihnen wurde das Allianzgebäude am Ostbahnhof, ein leerstehendes Bürogebäude, als Laboratorium zur Verfügung gestellt. Dort gab es zwar wenig Überraschungseffekte, doch immerhin Einblicke in das Denken einer neuen Klangkunstgeneration. Da wurde das alte Vogelstimmengezwitscher in einer neuzeitlich angepassten Version von Dan St. Clair aufgelegt: die elektronischen Vogelstimmen zwitscherten bekannte Melodien von Popsongs, gefällige Melodiechen der Populärkultur, die sich in unser Unterbewusstsein eingemogelt haben und den Rosengarten zwischen den Allianzbürohäusern beschallten. Die Auseinandersetzung mit der Trivialkultur war immer schon ein Anliegen der Klangkunst. Und auch die Untersuchung von Farb-Ton-Raum-Beziehungen in zwei weiteren Installationen im Laboratorium ist weder neu, noch werden dadurch innovative künstlerische Strategien vorgestellt. Es wird hauptsächlich experimentiert: Resonanzen untersucht sowie die Zusammenführung akustischer und visueller Medien erprobt. So hat M. M. Käubler die visuelle und akustische Situation der Londoner U-Bahn zu einer kinetischen raumgreifenden Skulptur verarbeitet. Durch eine Schwebeseilkonstruktion rotieren zwanzig Metallcontainer im Kreis, die durch Klänge, die in der Londoner U-Bahn aufgenommen wurden, akustisch begleitet werden. Hinter kleinen Fenstern, die in die Container geschnitten sind, leuchten die jeweils zugehörigen Bildsequenzen der U-Bahn-Stationen auf.

Interessant ist zu sehen, wie der künstlerische Klangkunstnachwuchs die technischen Medien perfekt beherrscht, hingegen Traditionslinien, die noch für die erste Generation der Klangkünstler von größter Wichtigkeit waren, so etwa die künstlerisch-musikalischen Konzepte eines John Cage, weitgehend negiert. Während Alvin Curran in seiner Installation „Gardening with Cage“ diesem eine Hommage widmet, findet sich die leise, reduzierte Ästhetik Cages bei der jungen Generation nur bei dem Südkoreaner Young-Sup Kim in seiner Arbeit „Koexistenz“. Aus weißen Lautsprecherkabeln formte er über 40 traditionelle koreanische Gefäße, in denen kleine Lautsprecher versteckt waren, aus denen leise und verhalten eine Komposition aus Alltagsgeräuschen ertönte.

Autobiografische Selbstinszenierungen sind hingegen bislang hauptsächlich in Kunsträumen für bildende Kunstwerke anzutreffen. Sie kamen bisher ohne den Klang aus, der bei dieser Kunst wohl eher eine untergeordnete Rolle spielt. So möchte man bei der „Important Little Man Show“ des jungen Isländers Sigtryggur Berg Sigmarsson auch lieber weg- als hinhören. Es ist eine groß angelegte Show aus Video, Fotos, Briefen, Zeichnungen und Klang, verteilt auf Foyer und vier weitere Räume, in denen wir Einblick in die Psyche des Künstlers erhalten. Neben Sigmarssons Multimediainstallation ist auch Robert E.M. Achleitners Arbeit der Trashkultur entwachsen. Im Raum sind Abfälle verteilt, Decken und Wände sind mit schwarzer Farbe beschmiert, darauf fäkale Schriftzüge und Klebeband zu Girlanden verarbeitet. Ein Malereimer in der Mitte des Raums mit offenem Deckel und beschmutzter Malerrolle sowie das weiterlaufende Radio unterstützen den Eindruck, der Künstler habe das Angefangene nicht fertig stellen können oder wollen. Es wirkt doch zu hingeschmissen, als dass es konzeptuell verankert wäre. Das an der Tür zur Installation mit Tesaklebeband angebrachte abgerissene Papier mit handschriftlichem Text kann man dann auch als Aufforderung verstehen: „Macht euern Scheiß alleine“.