Claudia Tittel

Lichtklang jenseits von Arkadien

Dr. phil. Claudia Tittel in: Christina Kubisch. Arkadien. Licht-Klang-Installation und Fotoarbeiten. Ausstellungskatalog Bunkermuseum Oberhausen. Oberhausen 2003. o. S.

 

Der Materialbegriff der bildenden Kunst und mithin auch die Materialverwendung haben sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts grundlegend verändert und erweitert, sodass selbst ephemere, immaterielle Materialien - wie Klang oder Licht - die ursprünglich anderen oder keinen künstlerischen Gattungen zugeordnet wurden, in bildnerisch-plastischen Kontexten Verwendung finden.[1](Wagner, Monika: Das Material in der Kunst. Eine andere Geschichte der Moderne. München 2001. S. 10ff.) Im Bereich der Klangkunst wird in vielfältigen Arbeiten der Künstlerin Christina Kubisch seit 1986 Klang im Zusammenhang mit Licht als Material für Klangskulpturen und Klanginstallationen eingesetzt. Diese Verbindung immaterieller Materialien scheint aus künstlerischer Perspektive konsequent, da beiden Materialien ähnliche Qualitäten zugewiesen werden. Sie sind immateriell und semantisch nicht codierbar. Ihnen sind sinnliche Wahrnehmungskategorien inhärent, die das Zeit-Raum-Gefüge verändern. Die entstandenen immateriellen Formen können vom Betrachter durchwandert werden, wodurch die materielle Form eines Kunstgegenstandes zu Gunsten der Erfahrung des Vergänglichen aufgegeben und ein ästhetischer Ort kreiert wird, der als Durchgangsstadium individueller sinnlicher Erfahrung dient. Licht-Klang-Installationen beschäftigen sich vor allem mit dem Gewahrwerden, der Selbsterfahrung und Wahrnehmung, mit aisthesis im weitesten Sinne.

Die lichtklangkünstlerischen Arbeiten von Kubisch wenden sich vom mimetischen Prinzip der Museumskunst ab. Deshalb kommen sie auch vermehrt im nichtmusealen Kontext vor. Der Bunker LU 702, der 1942 zusammen mit zwei gleichen Hochbunkern in Oberhausen fertiggestellt wurde, diente dem Schutz der Bevölkerung bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg und beherbergt nun das Bunkermuseum in Oberhausen, in dem Künstler und Theatergruppen ihre Arbeiten präsentieren. Mit seiner zwiespältigen Geschichte stellt das Bunkermuseum in Oberhausen einen anachoretischen Ort dar, der eine faszinierende Wirkung auf die Künstlerin ausübte. Kubisch verwandelt nun die visuelle und akustische Raumsituation dieses geschichtsträchtigen Ortes fast unmerklich, indem sie weißfluoreszierende Pigmente auf dem Bunkerboden aufträgt, Schwarzlichtlampen und Lautsprecher versteckt anbringt, sodass der Raum weiß erleuchtet und von leisen Rauschklängen durchdrungen wird. Sie „legt“ quasi einen „weißen Teppich“ im langen Flur des Bunkers aus und füllt den Raum mit Rauschen. Während die Besucher auf dem vor ihnen ausgerollten weißleuchtenden Teppich wandeln, umgibt sie das wattige, diffuse Rauschen. Ein weißer Schleier setzt sich in die Räume und erfüllt sie mit einem leuchtenden Ahnen, das durch die leisen, rauschenden Klänge verstärkt wird. Wie das Licht breitet sich auch das Rauschen bis in alle Ecken des Bunkers aus. Ein schwebender weißer „Lichtklang“, in dem kein Gegenstand klar zu erkennen und kein Laut deutlich wahrzunehmen ist, beherrscht die sinnlich-stoffliche Atmosphäre des Ortes, die den Besucher in Bann zieht. Kubisch füllt den Raum und entleert ihn gleichzeitig von allen Objekten und Erinnerungen. Sie erzeugt sinnliche Wahrnehmungsebenen, die aus vielfältigen ästhetischen Eindrücken und Empfindungen bestehen und einen polymorphen Weltbezug herstellen. Die Medien der Wahrnehmung und Darstellung par excellence werden benutzt, um die Besucher in jene magische Zwischenwelt einzutauchen, in der der Rückbezug zur fassbaren Realität obsolet geworden ist. Der langgestreckte „weißleuchtende“ Flur dient als Grenze zwischen dem Jetzt und dem Jenseits. Während er betreten werden kann, sind die dreizehn Bunkerzellen nur visuell, nicht aber haptisch abtastbar. An den Wänden der Zellen treten durch das Schwarzlicht die Spuren der Vergangenheit zutage. Es erscheinen merkwürdige Lichtbilder, die paradiesische illusionistische Landschaften formen und an jene utopischen Landschaftsbilder erinnern, in denen der Mensch mit der Natur eine Einheit bildet. Das im Titel der Ausstellung anklingende paradiesische Arkadien nimmt hier zufällig gestalterische Form an. Einen weiteren ästhetischen Bezug zu Arkadien stellt Kubisch durch den Einsatz weißfluoreszierender Pigmente, Schwarzlicht und die Installation rauschender Klänge am Ort selbst her. Indem sie den Raum in weißes Licht und Rauschen taucht, kreiert sie eine paradiesische arkadische Ideallandschaft und schafft somit eine Zwischenwelt jenseits der realen historischen und gegenwärtigen Wirklichkeit des Ortes. Durch das bedachtsam gewählte Zusammenspiel klanglicher und bildnerischer Gestaltungsmittel überdeckt sie die Geschichte und erzeugt ein künstliches, wunschbildhaftes, irdisches Paradies, einen locus amoenus, einen liebevollen Hain, der als sehnsuchtsvolle Erinnerung an Arkadien erscheint und sich zu einem Zufluchtsort vor der Vergangenheit aber auch vor der zweifelhaften, gegenwärtigen Wirklichkeit entwickelt. Der Ort verwandelt sich, legt verborgene Erinnerungsschichten offen und führt in eine von verschiedenen individuellen Assoziationen und Erinnerungen geprägte Zwischenwelt, die im Bewusstsein der Besucher zwischen alltäglicher identifizierbarer und meditativ kontemplativer Wahrnehmung hin- und herschwankt.

Mit Arkadien hat Kubisch einmal mehr ihr Interesse für anachoretische Orte und deren Geschichte(n) materialisiert. So setzt sie sich auch hier mit Gedächtniskonstruktion und Erinnerung auseinander. Sie begibt sich auf die Suche nach der großen Zahl der Erinnerungen, die in den Räumen gespeichert sind und überlagert sie durch neue. Die Drucke aus der Serie Licht.Bilder, die hier in einigen Räumen des Bunkermuseums zu sehen sind, stellen eine nachdrückliche Beschäftigung mit den visuell materialisierten Erinnerungsbildern ihrer Installationen dar. Kubisch leuchtete die Wände der verschiedenen Installationsorte mit Schwarzlicht aus und brachte dabei sonst für das menschliche Auge verborgene visuelle Zeichen ans Tageslicht. Durch ein spezielles Pigmentdruckverfahren wurden aus den Schwarzlichtfotografien gemalte Licht.Bilder. Sie zeigen Spuren, Spuren ihrer Arbeit, aber auch Spuren der Zeit - Spuren in einer Wand abgelagert, durch UV-Licht sichtbar gemacht und an die Oberfläche geholt. Christina Kubisch hat diese Spuren in den Licht Bildern materialisiert. Einige von ihnen wirken wie entrückte Landschaften oder Landkarten, andere wie Himmelsbilder. Sie alle zeichnen den Verlauf der Zeit in ihren Spuren nach und sind doch von einer einzigartigen stofflichen Materialität gekennzeichnet, die für die Licht-Klang-Installationen von Christina Kubisch charakteristisch ist.

  1. [1]Wagner, Monika: Das Material in der Kunst. Eine andere Geschichte der Moderne. München 2001. S. 10ff.