Die Licht.Bilder von Christina Kubisch sind Ergebnisse ihrer intensiven Beschäftigung mit dem visuell Materialisierten ihrer Installationen. In diesen setzte sie neben dem Ton auch Schwarzlicht ein - ursprünglich, um dem immateriellen Klang ein bildnerisches Pendant ebensolcher Immaterialität an die Seite zu stellen. Kubisch nutzt das UV-Licht, wie das Schwarzlicht auch genannt wird, wegen seiner fluoreszierenden Wirkung. Dieses extrem kurzwellige Licht, dessen Frequenzbereich dicht neben dem Röntgenlicht und somit direkt an der Wahrnehmungsgrenze liegt, wird nur von bestimmten Elementen und Farben reflektiert. Besonders intensiv reagieren organische Stoffe wie Schimmel, Sporen, Moose oder Mineralien darauf. Diese macht Kubisch mit Hilfe des Schwarzlichts sichtbar und komponiert sie zu Licht.Bildern..
Kubisch hat häufig an ungewöhnlichen historischen Orten gearbeitet und dabei dessen Geschichte(n) künstlerisch thematisiert. Die seit 1993 entstandene Installationsreihe consecutio temporum (Zeitenfolge) umfasst unterschiedliche Arbeiten, in denen sie sich mit bewusst sparsam gewählten ästhetischen Mitteln den Zeichen des Zeitenwandels annähert und diese erfahrbar macht. Mit Hilfe von Licht und Klang verändert sie nicht die Räume, sondern deren Wahrnehmung. Sie arbeitet mit der Analogie von Orten, Geräuschen und Bildern und lässt neue Erinnerungsbilder entstehen. Die Künstlerin durchleuchtet die Räume, wodurch Dinge ans „Licht“ gebracht werden, die bereits verschwunden und dadurch vergessen waren. So deckt sie Spuren der Zeit, zum Beispiel übereinander gelagerte Farbschichten, Witterungseinflüsse, eingravierte Zeichen, auf Wänden, Decken oder Böden auf. Die Licht-Bilder sind fotografische Zeugnisse dieser ars memoria.
Erste Arbeiten dieser Art entstanden 1998, als Kubisch beim Ausleuchten einer Installation in einem stillgelegten Stollen in St. Ingbert kleine pflanzenartige Strukturen, die wie Zeichnungen wirkten, an den Wänden entdeckte. Mit einem speziellen Pigmentdruckverfahren entwickelte sie aus diesen Schwarzlichtfotografien die ersten Licht.Bilder. Seitdem hat sie systematisch Räume, die lange Zeit verlassen oder sich selbst überlassen waren, mit Schwarzlicht erforscht. Daraus sind verschiedene Licht.Bilder-Serien in Bunkern, unterirdischen Gewölben, Stollen, Lagerkellern, aber auch im Außenraum entstanden, die die wechselhafte Geschichte dieser Orte auf neue Weise „beleuchten“. In einer neuen Arbeit hat sie Details der Wände des Heizungskellers der Akademie der Künste am Pariser Platz zu einem neuen Zyklus verdichtet. Eine Gruppe von Meisterschülern der Akademie der Künste, u. a. Harald Metzkes, Manfred Böttcher, Ernst Schroeder, hatte im Winter 1957/1958 den Keller für ein Faschingsfest ausgemalt. Die Zyklus-Motive zeigen Spuren dieser durch die Feuchtigkeit stark verwitterten Wandmalereien. Einzelne Details werden fotografisch hervorgehoben, durch den Kamerablick gerahmt, Mal- und Korrosionsspuren zu Bildern kombiniert. Wie abstrakte Zeichen, magische Kürzel, reduzierte Symbole erscheinen sie nun in den Licht.Bildern. Sie sind Embleme der Opposition der ostdeutschen Malerei Ende der fünfziger Jahre. Kubisch komponiert diese Wandmalereien neu und reflektiert gleichermaßen deren Vergangenheit.
Obwohl als nicht sichtbarer Geschichtsprozess zufällig entstanden, können in manche dieser Werke stark kompositorische Absichten der Künstlerin hineingelesen werden. Einige erscheinen wie abstrakte Gemälde und sind diesen insofern verwandt, da sie, ebenso frei vom Gegenständlichen, bildnerische Elemente vereinen, die starke Assoziationen zulassen. Auf archaisch wirkenden Farbflächen sind Zeichen, Linien, Punkte, einfache Formen wie Ovale, Balken, Dreiecke oder ähnliches angeordnet. Diese Motive werden vom Betrachter zu abstrakten Kompositionen, zu einem kompositionellen Ganzen zusammengefügt. Einige wirken wie phantastische Landschaften oder Landkarten, andere wie Himmelsbilder. Andere wiederum sind prähistorischen Felsmalereien verwandt. Sie zeigen Spuren - Spuren ihrer Arbeit, aber auch Spuren der Zeit - Spuren abgelagert in einer Wand, durch UV-Licht sichtbar gemacht und an die Oberfläche geholt. Sie alle zeichnen den Verlauf der Zeit nach und sind doch von einer einzigartigen stofflichen Materialität gekennzeichnet, die an Yves Kleins blaue Schwammgemälde denken lässt. Die plastischen Eigenschaften der Wand stellen sich in den Licht.Bildern neu und andersartig dar und lassen den Betrachter neugierig werden auf Arbeiten, in denen er selbst auf Spurensuche gehen kann.